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Vater und Sohn Ahlmann... Und die Geschichte des Schimmels Cöster

1978 ritt Schorsch Ahlmann sein letztes Springen.

Es gab keine Verabschiedung, keine Fete, kein Händeschütteln und auch keine Orden. Georg Ahlmann, den alle nur Schorsch nennen, hatte einfach aufgehört. Er hatte keinem deutschen Championats-Kader angehört, nie bei internationalen Meisterschaften den Adler auf der Satteldecke getragen, dreimal war er in einem Preis der Nationen angetreten, irgendwo, wohin sowieso kaum jemals einer wollte. Er war ein ganz normaler Springreiter, doch er war einer der letzten echten Typen dieser Gilde, die inzwischen ausgestorben sind. Wenn er in der Westfalenhalle Dortmund einritt, auf seinem gewaltigen Almhirt beispielsweise im Mächtigkeitsspringen, tobte das Rund.

Wenn heute von jungen Wilden gesprochen wird, kann ein Schorsch Ahlmann nur müde darüber lächeln. Die neuen Wilden sind eine Medien-Erfindung. Es gibt sie gar nicht. In seiner Zeit war er ein wahrer Wilder, wie auch Hartwig Steenken.

Er und Wolfgang Kun gehörten in Springreiterkreisen zu den körperlich am stärksten. Reitmeister Karl-Heinz Giebmanns erinnert sich noch gut daran, „als mich Wolfgang Kun in einer römischen Hotelbar durch die Luft warf.“ Ahlmann riss während eines Turniers im badischen Legelshurst in seiner Unterkunft mal aus Übermut einen Zigarettenautomaten aus der Wand. Ein andermal lieferte er sich im heimischen Marl, ein Rennen mit der Polizei. Ahlmann im Porsche, die Polizei im VW, aber mit „Tatütata“ und Blaulicht. Ahlmann-Vorteil ausgeglichen. Doch er kannte die Umgebung. Also ab Richtung offene Landschaft. Auf einem Feldweg riss er plötzlich das Steuer herum und flog mit seinem Sportwagen über eine kleine Anhebung hinweg auf eine Wiese und knatterte weiter. Der Polizei-VW hinterher, doch der landete im Graben, weil der Schwung nicht reichte.

Georg Ahlmann (57) hatte immer schon ein Faible für den Trabrennsport. Er wohnt in einer Gegend, wo die Trotter stark zuhause waren, in der Hochzeit jeden Abend ein Rennen, Recklinghausen und Gelsenkirchen, nicht weit weg Dinslaken und Mönchengladbach. 1967 kaufte Ahlmann einen Traber für 1.700 Mark, der lief ihm 18.000 DM ein. Eines Tages stopfte der Landwirt mit 100 Morgen 85.000 Mark in eine Plastiktüte und kaufte weitere fünf, „dem Verkäufer war das egal, ob ich die Scheine aus einem Lederköfferchen oder einer Aldi-Tüte zog.“

1978 gründeten Alwin Schockemöhle, dessen Schwiegervater Otto Schulte-Frohlinde und Georg Ahlmann den Stall „Rex Ass“, A für Ahlmann, S für Schockemöhle und S für Schulte-Frohlinde. Bereits im ersten Jahr gewann das Trio das Besitzer-Championat. Ahlmann hat heute nur noch ein paar. Traber, „auf den Bahnen wird ja nichts mehr bezahlt.“

Als Georg Ahlmann aufhörte mit dem Reiten, war sein Sohn Christian gerade vier Jahre alt. Der Europameister des Jahres 2003 hat also seinen Vater nie im Parcours bewusst gesehen. Er ist vom Schlag her anders. Bereits jetzt viel ruhiger, vielleicht auch schon gesetzter. Den Hof hat ihm sein Vater bereits überschrieben. Er kommt auf seine Mutter Hildegard. Neben seinen beiden Schwestern hat er noch einen Bruder, Philipp, der ist 21 Jahre jünger. Christian wohnt zuhause, seine Freundin ist die Tochter des ehemaligen deutschen Fußball-Bundesligakickers Rolf Rüssmann. Auch der aufgeschossene, schlanke Christian wollte lieber den Ball treten als aufs Pferd. Aber bei so einem Vater, kaum vorstellbar, dass er etwas anderes geworden wäre als Reiter.

Er wurde fast zwangsweise Springreiter-Profi. Den deutschen Titel der Ausbilder gewann er bereits einmal.

Die Lizenz als Amateur-Trabrennfahrer besitzt er ebenfalls, wie der Vater.

Der Mannschafts-Europameister der Jungen Reiter von 1990, 1991 und 1992 ist auch nach wie vor Deutschlands jüngster Träger des Goldenen Reiterabzeichens, das man für zehn Siege in schweren Springen erhält. Er war 14 Jahre alt, als er diese Leistung schaffte. Ludger Beerbaum urteilte nach der Europameisterschaft in Donaueschingen: „Er hat Gefühl und reitet auch unter Stress unwahrscheinlich abgeklärt.“

Doch ob Christian Ahlmann Europameister geworden wäre ohne seinen Wallach Cöster, bleibt unbeantwortet. Er hat den Titel jedenfalls für mindestens zwei Jahre. Den Holsteiner wiederum verdankt er auch einer glücklichen Verquickung.

Der jetzt zehnjährige Capitol-Nachkomme aus einer Landgraf-Mutter gehörte einem Züchter namens Johannes Köster, zuhause hoch oben im Norden von Deutschland.

Köster und Peter Luther, den früheren deutschen Derbysieger und Olympia-Dritten von 1984 in Los Angeles, verband seit frühester Kindheit eine große Freundschaft. Man besuchte sich oft, schaute jeweils nach den Pferden, so auch vor acht Jahren. Da war das Ehepaar Ulla und Peter Luther zu Besuch bei den Kösters in Osterholt.

Peter Luther hatte rasch Spaß an einem Schimmel, der gewaltig über die Cavalettis flog („einen Meter höher“). Als er sich mit seiner Frau bereden wollte, war die weg. Als er Johannes Cöster fragte, ob denn das Pferd zu kaufen wäre, sagte der, nein, der sei bereits verkauft.

Ulla Luther hatte ihn schon am „Strick“. Peter Luther und Sohn Thieß bildeten den Youngster aus, Peter Luther ging dann auf Anraten seines anderen Sohnes Hauke auf die südspanische Sunshine Tour, „dort ritt ich vor drei Jahren nur Parcours` bis 1,40 m, nie auf Sieg“ (Peter Luther). Die Späher hatten das Talent endgültig entdeckt. Als Hauke Luther den Schimmel dann im großen Sport erstmals vor zwei Jahren in Berlin vorstellte, standen die Interessenten Schlange, unter den Wartenden Ludger Beerbaum, Amerikaner, Rodrigo Pessoa und auch Georg Ahlmann. Am Ende lag die Wahl nur noch zwischen Pessoa, Brasiliens Exweltmeister, und Ahlmann, „denn wir wollten auch gutes Geld haben“, so Peter Luther. Ahlmann kam dann mit Marion Jauß, über den Trabrennsport mit Georg Ahlmann verbandelt und nicht gerade eine der Ärmsten aus Berlin, und Christian zum Testen. Marion Jauß kaufte den Wallach.

Peter Luther: „Alles passte sofort.“ Weiter sagte er: „Wir wollten auch, dass der Schimmel in Deutschland bleibt.“ Auf den Namen Cöster tauften die Luthers das Pferd in Erinnerung an ihren Freund, der vor einigen Jahren an Leukämie sterben musste, „leider hat Johannes Köster den Erfolg seines Pferdes nicht mehr miterlebt.“, so Peter Luther.
 

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